Mit
dem Datum von Epiphanie 2002 sende ich Ihnen einen Brief, den ich
ein wenig mit meinem Herzblut geschrieben habe.... Sollte es sein,
dass der Grund einer gewissen Verdrossenheit, mancher Nörgelei
und Unzufriedenheit kurzum ein Mangel an Freude im Raum der
Kirche, nichts weiter als einen Glaubensschwund offen legt? In der
Tat muss ich mit wachsender Sorge wahrnehmen, dass das Wichtigste
unseres Christ- und Kircheseins im Verständnis vieler Gläubigen
zunehmend unklar wird: ich meine das Geheimnis der heiligen
Eucharistie. Als Bischof sehe ich mich daher gedrängt und
verpflichtet, ein klares Wort an Sie zu richten, damit in unserem
Verkündigungsdienst und in der sakramentalen Praxis deutlich
bleibt was das „Geheimnis des Glaubens“ für das rechte
Verständnis und den richtigen Mitvollzug bedeutet.
Aus vielen Gründen ist in den vergangenen Jahrzehnten, der so
genannten nachkonziliaren Zeit, zuweilen vergessen worden, was die
Kirche unter der Leitung des Heiligen Geistes, der sie in alle
Wahrheit einführt (vgl. Joh 16,13), an tiefer Erkenntnis über
das Sakrament der Eucharistie gewonnen hat. Zwei besonders
gefährdete Inhalte unseres Glaubensverständnisses möchte ich
herausgreifen: den Opfercharakter der heiligen Messe und die
wirkliche Gegenwart unseres Herrn unter den Gestalten von Brot und
Wein.
... Durch eine oft einseitige Betonung der Mahlgestalt besteht die
Gefahr, den Opfergehalt des Sakramentes zurücktreten zu lassen.
Schon Paulus mahnt die Korinther bezüglich offensichtlich
eingerissener Missverständnisse und Missbräuche des
eucharistischen Mahles: „Könnt ihr nicht zu Hause essen und
trinken? Oder verachtet ihr die Kirche Gottes?“ (1 Kor 11, 22).
In seinem Bericht über die Einsetzung des Herrenmahles betont
Paulus ausdrücklich auch dessen Opfercharakter, wenn er schreibt:
„So oft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt,
verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1 Kor 11, 26).
Bis zu seiner glorreichen Wiederkunft wird der Opfertod Christi in
der Feier der heiligen Eucharistie gegenwärtig. Die Worte des
Apostels Paulus sind wie ein Echo jener gewaltigen Worte, mit
denen Christus die Eucharistie eingesetzt hat: „Das ist mein
Leib, der für euch hingegeben wird ... Dieser Kelch ist der Neue
Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22, 19-20).
In dem „für euch hingegeben“ und „für euch vergossen“
kommt deutlich zum Ausdruck, dass die Opfergabe des Herrn in der
heiligen Messe gegenwärtig wird. Auch für das ökumenische
Gespräch ist es nicht dienlich, diese unsere Glaubensuberzeugung
zurücktreten zu lassen, weil unsere evangelischen Schwestern und
Brüder in der Feier des so genannten Abendmahles diesen
Opfercharakter zumeist nicht bejahen. Aber es gehört ins Zentrum
unseres katholischen Glaubens, dass „unser Erlöser das
eucharistische Opfer seines Leibes und Blutes eingesetzt hat, um
dadurch das Opfer des Kreuzes durch die Zeiten hindurch bis zu
seiner Wiederkunft fortdauern zu lassen“ („Sacrosanctum
concilium“ 47). Gewiss ist zu allen Zeiten die nähere
Bestimmung des Opfercharakters der heiligen Messe und sein Bezug
zum Kreuzesopfer Jesu Christi nicht einfach zu vermitteln gewesen.
In neuerer Zeit kommt hinzu, dass man kaum mehr Verständnis hat
für das Wesen eines Opfers. Die Lösung einer solchen
Schwierigkeit kann jedoch nicht darin liegen, auf Wort und Inhalt
des Begriffes zu verzichten, sondern zu verdeutlichen, dass in der
gesamten Offenbarung Opfer eine unersetzliche Bedeutung haben, ja,
dass der tiefste Sinn des Opfers im Licht des Neuen Testamentes
die hebende Selbsthingabe des Menschen an Gott und damit zentraler
Ausdruck rechter Religion ist. Christus selbst Übernimmt mit
seinem Eintritt in die Welt diese moralische Verpflichtung
stellvertretend für uns (vgl. Hebr 10, 5-7), weil wir - zumal als
Sünder - von uns aus gar nicht in der Lage sind, Gott ein
würdiges Opfer darzubringen.
4. Ein kleiner Hinweis kann vielleicht helfen, das Opfer des
Gottesknechtes, der sich für uns hingegeben hat (vgl. Ps. 22; Jes
42, 1‑9; 49, 6‑9; 50 4‑9), deutlich zu machen.
Franz Gajownicek, für den der heilige Maximilian Maria Kolbe sein
Leben geopfert hat, hat geäußert, dass in den Tagen, da sein
Retter im Hungerbunker dem Tod entgegen ging, für ihn das
Verständnis ganz deutlich geworden sei, was es heiße, Christus
hat für uns sein Leben geopfert. Gibt es nicht auch heute genug
Beispiele opferbereiter Hingabe? Ist stellvertretende Hingabe
nicht das Wesen echter schenkender Liebe?
Wir dürfen nicht versuchen das Kreuzesgeschehen zu erklären und
seine eucharistische Vergegenwärtigung zu vollziehen, ohne die
Lehre vom Opfer des menschgewordenen Gottessohnes deutlich
herauszustellen. Gerade in einer Welt die „bis auf den heutigen
Tag seufzt und in Geburtswehen liege (Röm 8, 22), die von Angst
vor Krieg und Gewalt geplagt wird, ist es ein Trost zu wissen,
dass „,sooft das Gedächtnis (die Vergegenwärtigung) dieses
Opfers gefeiert wird, sich das Werk unserer Erlösung vollzieht“
(Gebet zur Gabenbereitung am Abend des Gründonnerstags). Weil die
Messfeier keine bloße Erinnerung an das Kreuzesgeschehen ist
sondern in ihr das Kreuzesopfer Christi geheimnisvoll
vergegenwärtigt wird, bedarf es im eucharistischen Geschehen der
sichtbaren Repräsentanz Christi im geweihten Priester...
Deshalb ist das Weihesakrament die unabdingbare Voraussetzung zur
gültigen Feier der Eucharistie. Denn nur durch die Weihe
„besitzt (der Priester) die Vollmacht, in der Kraft und anstelle
der Person Christi selbst zu handeln“ (Pius XII, Enzyklika „Mediator
Dei“, Katechismus der Katholischen Kirche, 1548).Dass aber das
Weihesakrament die Apostolische Sukzession der Weihenden, das
heißt der Bischöfe voraussetzt, ist in unserer Kirche nie
bestritten worden, vielmehr gilt die Feststellung des
Weltkatechismus (Nr. 1087): „Diese ‚apostolische Sukzession’
durchformt das ganze liturgische Leben der Kirche“. Am Kreuz hat
sich Christus für das Heil der Welt geopfert. In jeder Osternacht
singt die Kirche voll Jubel: „Er hat für uns beim ewigen Vater
Adams Schuld bezahlt und den Schuldbrief ausgelöscht mit seinem
Blut, das er aus Liebe vergossen hat“ (Exsultet). In jeder
Eucharistie wird dieses österliche Geheimnis gegenwärtig, die
stellvertretende Hingabe des Herrn, sein österlicher Sieg über
Sunde, Tod und Teufel. Deshalb ist die Eucharistie ein
Sühneopfer, das der ganzen Welt Segen und Heil bringt.
Die
Feier der Eucharistie, liebe Mitbrüder im Priesteramt, ist unser
wichtigster Dienst für Kirche und Welt. Sie ist die beste Stütze
gegen Mutlosigkeit und Resignation, die eigentliche Kraftquelle
apostolischen Wirkens, die größte Gnade für die Lebenden und
die Verstorbenen. Der hl. Pfarrer von Ars bringt dies auf den
Punkt, wenn er schreibt: „Alle guten Werke zusammen erreichen
nicht den Wert eines einzigen Messopfers, denn sie sind die Werke
des Menschen; die Messe aber ist Gottes Werk“. Ich bitte euch
deshalb inständig, jeden Tag das Messopfer zu feiern, auch wenn
wenige Gläubige anwesend sind. Das eucharistische Opfer ist die
Mitte unseres priesterlichen Alltags; es kann durch nichts ersetzt
werden.
5. Die zweite Feststellung betrifft das Schwinden des Glaubens an
die Realpräsenz, die wirkliche Gegenwart Christi unter den
eucharistischen Gestalten von Brot und Wein. Christus hat bei der
Einsetzung der Eucharistie nicht gesagt: „Dieses Brot bedeutet
mein Leib“ oder „Dieses Brot ist ein Symbol für meinen
Leib“, sondern schlicht und einfach: „Das ist mein Leib... das
ist mein Blut“. In der Rede in der Synagoge von Kafarnaum lehrt
er unmissverständlich: „lch bin das lebendige Brot das vom
Himmel herabkommt. Wer von diesem Brot isst wird in Ewigkeit
leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch (ich gebe
es hin) für das Leben der Welt... Wer mein Fleisch isst und mein
Blut hinkt, hat das ewige Leben. und ich werde ihn auferwecken am
Letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein
Blut wirklich ein Trank“ (Joh 6, 51.54-55). Die Kirche hat stets
den Glauben an die Wesensverwandlung von Brot und Wein in Fleisch
und Blut Christi kraft der Wandlungsworte des Priesters
festgehalten. Das Zweite Konzil von Lyon prägte dafür im Jahre
1215 den Begriff „Transsubstantiation“, den das Konzil von
Florenz im Dekret für die Armenier 1442 ausdrücklich bestätigte
und der seither in allen Konzilien und Äußerungen des Lehramtes
wiederkehrt. Das Konzil von Trient hat 1551 den Begriff zudem im
Dekret über die heilige Eucharistie, Canon 2, für besonders
treffend erklärt um dieses zentrale Glaubensgeheimnis zum
Ausdruck zu bringen (vgl. Denz 802; 1352; 1636; 1652). Mit den
Worten des heiligen Thomas von Aquin singen wir: „Gottheit tief
verborgen, betend nah ich dir Unter diesen Zeichen bist du
wahrhaft hier. Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin,
weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin. Augen, Mund und Hände
täuschen sich in dir, doch des Wortes Botschaft offenbart dich
nur Was Gott Sohn gesprochen, nehm ich glaubend an; er ist selbst
die Wahrheit, die nicht trügen kann.“ ...
Nur scheinbar wird der Glaube erleichtert wenn man abgeschwächte
Formen der Vergegenwärtigung Christi den Menschen nahe bringen
will. Demgegenüber müsste von der Vorbereitung zur Erstkommunion
angefangen unser ganzes Bemühen darauf gerichtet sein, nicht dem
Verdikt zu verfallen, das der heilige Paulus im 1. Korintherbrief
- der wohl ältesten Stelle der AbendmahIsverkündigung! -
aufgewiesen hat:: „..den Leib des Herrn nicht zu
unterscheiden“ (vgl. 1 Kor 11, 29). Gerade bei diesem Teil
unserer Verkündigung kommt es sehr auf die richtige Wortwahl an.
„Heiliges Brot“ führt eher in die Irre, als dass es zum
rechten Verständnis dieser kostbarsten Gabe Christi an seine
Gläubigen hilft. Es ist sehr wichtig, dass wir einen rechten
Umgang mit den konsekrierten Gestalten einer Gottesdienstgemeinde
vor Augen führen. Die notwendige Ehrfurcht bedarf der sichtbaren
Gesten und Handlungen. Dazu gehört die Sauberkeit der
Altarwäsche, die Gediegenheit der Gefäße und der angemessene
Schmuck ebenso wie die Kniebeuge, das Knien überhaupt und
schließlich das ehrfurchtsvolle Schweigen im Kirchenraum. Wenn in
einer Kirche die Atmosphäre einer Markthalle herrscht, so lässt
dies wohl kaum die wirkliche Gegenwart des Herrn im Tabernakel
erahnen. Die Realpräsenz in den unscheinbaren Gestalten von Brot
und Wein übersteigt bei weitem das Fassungsvermögen unseres
Verstandes. Deshalb müssen wir unserem Verstand immer wieder
„Gedächtnisstützen“ bauen, die ihm helfen, das Geheimnis der
Eucharistie wenigstens zu erahnen. Eucharistische Anbetung hat
über den Sinn der Gottesbegegnung hinaus auch diese wichtige
Funktion. Sie schützt die Eucharistie vor Banalisierung und
erinnert uns an die Größe dieses Geschenkes des Herrn an uns.
Daher muss es unsere Sorge sein, dass die Tabernakelfrömmigkeit
sich auch wirklich entfalten kann, bei verschlossenen Kirchen ist
dies wohl kaum möglich! Papst Paul VI. hat einmal geschrieben:
„Der Besuch des Allerheiligsten ist ein Beweis von Dankbarkeit,
ein Zeichen von Liebe und eine Erfüllung der Pflicht, Christus
unseren Herrn anzubeten“ (Enzyklika „Mysterium fidei“). Die
Anbetung des Allerheiligsten sollte uns allen am Herzen liegen.
Könnte ein Grund für den schmerzlichen Mangel an geistlichen
Berufungen nicht auch darin liegen, dass wir in unseren
Pfarrgemeinden zu wenig eine Atmosphäre schaffen, in der junge
Menschen den Ruf Gottes hören können? Gemeinschaften, in denen
die Anbetung gepflegt wird, haben jedenfalls Berufungen. Sollte
uns dies nicht zu denken geben? Ich möchte deshalb alle
Pfarrgemeinden dazu einladen, wöchentlich wenigstens eine Stunde
vor dem Allerheiligsten Anbetung zu halten. Dadurch wird unser
Glaube an die wirkliche Gegenwart Christi gestärkt, geben wir dem
Herrn die Ehre, die ihm gebührt tragen wir die Sorgen und Note
der Menschen zum Erlöser und schaffen wir den geistlichen Raum
für neue Berufungen. „Ich habe mich sehr danach gesehnt', sagt
der Herr, „mit euch dieses Paschamahl zu essen“ (Lk 22, 15),
denn ihn verlangt danach, mit uns Communio zu haben, eins zu sein
mit uns, wie er eins ist mit dem Vater (vgl. Joh 17, 23). Das
berührt das innigste Geheimnis Gottes selbst: die Heiligste
Dreifaltigkeit. Christus weiß ja, dass wir nur im. Dreifaltigen
Gott unser wahres Glück und unsere Erfüllung finden können.
Deshalb ist er zu uns gekommen als „das wahre Brot vom
Himmel“, „das Brot des Lebens“ (Joh 6, 32.35). Der Schwester
Emilie Schneider offenbarte der Herr: „Wüßtest du, wie großes
Verlangen Ich habe, Mich Meinen Auserwählten schon in diesem
Lebens aufs Innigste mitzutheilen und ihnen im reichen Maße von
der Liebe, die du siehst, zukommen zu lassen du wurdest noch mehr
thun, dieses Verlangen zu befriedigen!' (Geistliche Briefe, 1860,
S. 73). ... Unsere Gläubigen haben ein Recht auf diesen Glauben
der Kirche, den wir ihnen nicht schuldig bleiben dürfen.
Als
der Erst- und Letztverantwortliche für all unseren Hirtendienst
in der Erzdiözese Köln bitte ich Sie daher dringend, meine Sorge
zu der Ihren zu machen, denn gerade im Bereich der heiligen
Eucharistie dürfen wir den uns anvertrauten Schwestern und
Brüdern aus echter pastoraler Liebe die Wahrheit nicht
vorenthalten. In dieser Wahrheit möchte ich Sie alle durch mein
Wort vergewissern und bestärken.“ ...
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