Informationsblatt der Blauen Gebetsoase

in Sievernich

 Juni 2010

 

Geistlicher Impuls

Die Eucharistie steht im Mittelpunkt des Fronleichnamsfestes, das wir in diesem Jahr am 3.Juni feiern. Das erste, das eigentliche Fest der Eucharistie wird jedoch in der Karwoche gefeiert, am Gründonnerstag.
Aber der Gründonnerstag ist bereits umschattet vom Dunkel des Verrats, der Geißelung und des Kreuzes. Am Abend dieses letzten irdischen Abendmahles schenkt Jesus den Aposteln sein bleibendes Vermächtnis, den neuen Bund. Und dieses Vermächtnis ist untrennbar verbunden mit der Ahnung über den unumgänglichen Abschied. Die Freude über das Geschenk, das er ihnen gibt, kann sich an diesem Tag, beim Letzten Abendmahl nicht so recht entfalten: die Freude über die Gabe des Altarsakramentes. Was ist das für eine Freude, die sich hier zeigen will?

Wenn man heute einen intelligenten Menschen fragen würde:
„Was ist eigentlich Religion?“, würde er vielleicht antworten: Es gibt ein Geheimnis hinter allen Dingen. Oder: Es ist da etwas Bleibendes - während alles andere zerfällt. Da ist ein Sinn in allem, mit dem sich mein Innerstes, meine Seele einmal verbinden wird.

Das sind schöne Gedanken, aber sie erreichen nicht den Kern der christlichen Botschaft. Die christliche Botschaft wendet sich nicht an die Seele, sondern an den Menschen. Nicht das Heil der Seele ist uns verheißen, sondern das Heil des Menschen.

In der Schöpfungserzählung im ersten Buch der Bibel heißt es: „Lasst uns Menschen machen als unser Abbild“ (Gen 1,26). Und das Ebenbild Gottes ist nicht die Seele, sondern der Mensch mit Leib und Seele.
Und als Erlösungsgeschehen Gottes an seiner Welt feiern wir, dass Gott Mensch geworden ist. Er ist Fleisch geworden - nicht nur Seele: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14).

Das Geheimnis des Christentums ist nicht nur eine reine Geistigkeit. Das Christentum ist sehr irdisch, sehr weltbezogen, sehr „fleischlich“.
Und von hier aus erfassen wir, was eigentlich das Sakrament ist. Im Glauben geht es nicht bloß um Innerlichkeit. Gott könnte, um Heil zu wirken, die Seele des Menschen allein berühren und jeden einzelnen zu sich ziehen. Aber die Weise, wie Gott sich uns Menschen zeigt, ist leibhaftig, weltlich, real, nicht nur geistig. Das Sakrament ist das Zeichen, das wir sehen, hören, tasten können - als Wasser der Taufe, als Öl der Salbung, als eucharistische Gaben von Brot und Wein.

Das Sakrament ist eine sichtbare Brücke zur Wirklichkeit Gottes. Und es ist das sichtbare Zeichen der wirklichen, realen Gegenwart Gottes in dieser unserer konkreten und realen Welt. Das Innerste des Christentums ist nicht eine weltabgewandte Vergeistigung. Das Innerste des Christentums ist eine unendliche Beseligung der ganzen realen Welt und des ganzen lebendigen Menschen.

Das ist das Geheimnis unseres Glaubens: der weltzugewandte Gott. Jemand hat einmal gesagt: „Man kann sich Gott gar nicht menschlich genug denken, sonst wäre Er nicht Mensch geworden.“ In Gott muss eine unendliche Liebe zum menschlichen Leben, zur irdischen Wirklichkeit sein - sonst wäre er nicht Mensch geworden.

Das erinnern wir in jeder Eucharistiefeier. Wir stellen uns einen konkreten, realen Menschen vor Augen. Wir erinnern uns des Menschen Jesus aus Nazaret. Wir denken an seine Art, den Menschen zu begegnen, sie in ihrer Not und Bedürftigkeit zu sehen, sich ihnen zuzuwenden und ihnen unermüdlich Kraft und Hoffnung zuzusprechen.

Wir sehen, wie er seine Botschaft selber real gelebt hat, wie er die Liebe, von der er gesprochen hat, gezeigt und verwirklicht hat. Und wir vergegenwärtigen uns seine Bereitschaft, dem Auftrag, den er erkannt hat, treu zu bleiben - bis in den Tod. Die Eucharistie ist uns Zeichen, dass die Liebe, die er verkündet hat, ihre Kraft an ihm selber gezeigt hat: Der Tod konnte ihn nicht halten.

Jesus ist gegenwärtig - nicht nur als Erinnerung, sondern als Gegenwart.
Deshalb ist er der Christus, der Retter und Heiland der Welt. Seine Botschaft hat Gültigkeit. Sein Leben hat sich bewährt. Er ist da, unter uns, leibhaftig. So ist das „Brot des Heiles“ uns Unterpfand, dass die Botschaft Jesu nicht nur Bedeutung hatte für die Menschen seiner Zeit. In der Eucharistie zeigt sich das „Heute Gottes“, das alle Zeiten umfasst: Jesus hat nicht im eigenen Namen gehandelt, sondern in seinem Leben, in seinem Fleisch ist Gottes Gegenwart sichtbar geworden und sichtbar geblieben.

Das ist die Freude des Fronleichnamsfestes. Nie hat eine Religion vom Menschen und vom menschlichen Leib so hoch gedacht wie das Christentum. In einem Stück Brot, in einer unscheinbaren materiellen Wirklichkeit feiern wir Gott mitten unter uns und verbinden wir uns ganz fleischlich und real mit ihm. Damit zeigen wir: Wir leben wirklich von ihm und er lebt wirklich mitten unter uns!

Ihr Pfarrer Frank Aumüller


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Auszüge aus dem Apostolischen Schreiben Mane Nobiscum Domine von Papst Johannes Paul II. (7. Oktober 2004):

16. Diese Dimensionen der Eucharistie verdichten sich in einem Aspekt, der mehr als alle anderen unseren Glauben auf die Probe stellt: das Geheimnis der ,,Realpräsenz”. Mit der Gesamttradition der Kirche glauben wir, daß unter den eucharistischen Gestalten Jesus wirklich gegenwärtig ist. Es handelt sich um eine Gegenwart — wie Papst Paul VI. vortrefflich erklärte —, die ,,wirklich” genannt wird nicht im ausschließlichen Sinn, als ob die anderen Formen der Gegenwart nicht wirklich wären, sondern hervorhebend, denn kraft der Realpräsenz wird der ganze und vollständige Christus in der Wirklichkeit seines Leibes und seines Blutes substanziell gegenwärtig. Deswegen verlangt der Glaube von uns, vor der Eucharistie zu stehen im Bewußtsein, vor Christus selbst zu stehen. Gerade seine Gegenwart verleiht den übrigen Dimensionen — des Gastmahls, des Pascha- Gedächtnisses, der eschatologischen Vorausnahme — eine Bedeutung, die weit über einen reinen Symbolismus hinausgeht. Die Eucharistie ist das Geheimnis der Gegenwart, durch das sich die Verheißung Christi, immer bei uns zu sein bis ans Ende der Welt, auf höchste Weise verwirklicht.

18. … Die eucharistische Anbetung außerhalb der heiligen Messe soll … zu einer besonderen Aufgabe für die einzelnen Pfarrgemeinden und Ordensgemeinschaften werden. Verweilen wir lange auf den Knien vor dem in der Eucharistie gegenwärtigen Herrn, indem wir mit unserem Glauben und unserer Liebe die Nachlässigkeit, die Vergessenheit und sogar die Beleidigungen wiedergutmachen, die unser Erlöser in vielen Teilen der Welt erleiden muß. Vertiefen wir in der eucharistischen Anbetung unsere persönliche und gemeinschaftliche Betrachtung, indem wir uns auch der Gebetshilfen bedienen, die vom Wort Gottes und von der Erfahrung vieler alter und neuer Mystiker durchdrungen sind. Selbst der Rosenkranz — verstanden in seiner tiefen biblischen und christozentrischen Bedeutung, …— kann ein Weg sein, der für die eucharistische Betrachtung besonders geeignet ist, wird sie doch in Gemeinschaft mit Maria und in der Schule Mariens vollzogen. …

31. Vor unseren Augen sind die Beispiele der Heiligen, die in der Eucharistie die Nahrung für ihren Weg der Vollkommenheit gefunden haben. Wie oft haben sie Tränen der Ergriffenheit in der Erfahrung eines so großen Geheimnisses vergossen und welch unsagbare Stunden ,,hochzeitlicher” Freude haben sie vor dem Altarssakrament verbracht! Es helfe uns vor allem die heilige Jungfrau Maria, die mit ihrer ganzen Existenz die Logik der Eucharistie verkörpert hat. ,,Die Kirche, die auf Maria wie auf ihr Urbild blickt, ist berufen, sie auch in ihrer Beziehung zu diesem heiligsten Mysterium nachzuahmen”. Das eucharistische Brot, das wir empfangen, ist das makellose Fleisch des Sohnes: ,,Ave verum Corpus natum de Maria Virgine”. In diesem Gnadenjahr (das Jahr der Eucharistie ist gemeint, Okt.2004 - Okt.2005) möge die Kirche mit der Hilfe Marias neuen Elan für ihre Mission erhalten und in der Eucharistie immer mehr die Quelle und den Höhepunkt ihres ganzen Lebens erkennen.