Informationsblatt der Blauen Gebetsoase
in Sievernich
Geistlicher Impuls
Die Eucharistie steht im Mittelpunkt des Fronleichnamsfestes,
das wir in diesem Jahr am
3.Juni feiern. Das erste, das eigentliche Fest der
Eucharistie wird jedoch in der Karwoche gefeiert,
am Gründonnerstag.
Aber der Gründonnerstag ist bereits umschattet
vom Dunkel des Verrats, der Geißelung und des
Kreuzes. Am Abend dieses letzten irdischen Abendmahles
schenkt Jesus den Aposteln sein
bleibendes Vermächtnis, den neuen Bund. Und
dieses Vermächtnis ist untrennbar verbunden mit
der Ahnung über den unumgänglichen Abschied.
Die Freude über das Geschenk, das er ihnen gibt,
kann sich an diesem Tag, beim Letzten Abendmahl
nicht so recht entfalten: die Freude über die
Gabe des Altarsakramentes. Was ist das für eine
Freude, die sich hier zeigen will?
Wenn man heute einen intelligenten Menschen
fragen würde:
„Was ist eigentlich Religion?“, würde er vielleicht
antworten: Es gibt ein Geheimnis hinter allen Dingen.
Oder: Es ist da etwas Bleibendes - während
alles andere zerfällt. Da ist ein Sinn in allem, mit
dem sich mein Innerstes, meine Seele einmal
verbinden wird.
Das sind schöne Gedanken, aber sie erreichen
nicht den Kern der christlichen Botschaft. Die
christliche Botschaft wendet sich nicht an die
Seele, sondern an den Menschen. Nicht das Heil
der Seele ist uns verheißen, sondern das Heil des
Menschen.
In der Schöpfungserzählung im ersten Buch der
Bibel heißt es: „Lasst uns Menschen machen als
unser Abbild“ (Gen 1,26). Und das Ebenbild Gottes
ist nicht die Seele, sondern der Mensch mit
Leib und Seele.
Und als Erlösungsgeschehen Gottes an seiner
Welt feiern wir, dass Gott Mensch geworden ist.
Er ist Fleisch geworden - nicht nur Seele: „Und
das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns
gewohnt“ (Joh 1,14).
Das Geheimnis des Christentums ist nicht nur
eine reine Geistigkeit. Das Christentum ist sehr
irdisch, sehr weltbezogen, sehr „fleischlich“.
Und von hier aus erfassen wir, was eigentlich das
Sakrament ist. Im Glauben geht es nicht bloß um
Innerlichkeit. Gott könnte, um Heil zu wirken, die
Seele des Menschen allein berühren und jeden
einzelnen zu sich ziehen. Aber die Weise, wie
Gott sich uns Menschen zeigt, ist leibhaftig, weltlich,
real, nicht nur geistig. Das Sakrament ist das
Zeichen, das wir sehen, hören, tasten können -
als Wasser der Taufe, als Öl der Salbung, als
eucharistische Gaben von Brot und Wein.
Das Sakrament ist eine sichtbare Brücke zur
Wirklichkeit Gottes. Und es ist das sichtbare Zeichen
der wirklichen, realen Gegenwart Gottes in
dieser unserer konkreten und realen Welt. Das
Innerste des Christentums ist nicht eine weltabgewandte
Vergeistigung. Das Innerste des Christentums
ist eine unendliche Beseligung der ganzen
realen Welt und des ganzen lebendigen
Menschen.
Das ist das Geheimnis unseres Glaubens:
der weltzugewandte Gott. Jemand hat einmal
gesagt: „Man kann sich Gott gar nicht menschlich
genug denken, sonst wäre Er nicht Mensch geworden.“
In Gott muss eine unendliche Liebe zum
menschlichen Leben, zur irdischen Wirklichkeit
sein - sonst wäre er nicht Mensch geworden.
Das erinnern wir in jeder Eucharistiefeier. Wir
stellen uns einen konkreten, realen Menschen vor
Augen. Wir erinnern uns des Menschen Jesus
aus Nazaret. Wir denken an seine Art, den Menschen
zu begegnen, sie in ihrer Not und Bedürftigkeit
zu sehen, sich ihnen zuzuwenden und ihnen
unermüdlich Kraft und Hoffnung zuzusprechen.
Wir sehen, wie er seine Botschaft selber real gelebt
hat, wie er die Liebe, von der er gesprochen
hat, gezeigt und verwirklicht hat. Und wir vergegenwärtigen
uns seine Bereitschaft, dem Auftrag,
den er erkannt hat, treu zu bleiben - bis in den
Tod. Die Eucharistie ist uns Zeichen, dass die
Liebe, die er verkündet hat, ihre Kraft an ihm selber
gezeigt hat: Der Tod konnte ihn nicht halten.
Jesus ist gegenwärtig - nicht nur als Erinnerung,
sondern als Gegenwart.
Deshalb ist er der Christus, der Retter und Heiland
der Welt. Seine Botschaft hat Gültigkeit. Sein
Leben hat sich bewährt. Er ist da, unter uns, leibhaftig.
So ist das „Brot des Heiles“ uns Unterpfand,
dass die Botschaft Jesu nicht nur Bedeutung
hatte für die Menschen seiner Zeit. In der
Eucharistie zeigt sich das „Heute Gottes“, das alle
Zeiten umfasst: Jesus hat nicht im eigenen Namen
gehandelt, sondern in seinem Leben, in seinem
Fleisch ist Gottes Gegenwart sichtbar geworden
und sichtbar geblieben.
Das ist die Freude des Fronleichnamsfestes. Nie
hat eine Religion vom Menschen und vom
menschlichen Leib so hoch gedacht wie das
Christentum. In einem Stück Brot, in einer unscheinbaren
materiellen Wirklichkeit feiern wir
Gott mitten unter uns und verbinden wir uns ganz
fleischlich und real mit ihm. Damit zeigen wir: Wir
leben wirklich von ihm und er lebt wirklich mitten
unter uns!
Ihr
Pfarrer Frank Aumüller
Auszüge aus dem Apostolischen Schreiben
Mane Nobiscum Domine von Papst Johannes Paul II. (7.
Oktober 2004):
16. Diese Dimensionen der Eucharistie verdichten sich in
einem Aspekt, der mehr als alle anderen unseren Glauben
auf die Probe stellt: das Geheimnis der
,,Realpräsenz”. Mit der Gesamttradition der Kirche glauben
wir, daß unter den eucharistischen Gestalten Jesus
wirklich gegenwärtig ist. Es handelt sich um eine Gegenwart
— wie Papst Paul VI. vortrefflich erklärte —, die
,,wirklich” genannt wird nicht im ausschließlichen Sinn, als
ob die anderen Formen der Gegenwart nicht wirklich wären,
sondern hervorhebend, denn kraft der Realpräsenz
wird der ganze und vollständige Christus in der Wirklichkeit
seines Leibes und seines Blutes substanziell gegenwärtig.
Deswegen verlangt der Glaube von uns, vor der
Eucharistie zu stehen im Bewußtsein, vor Christus selbst
zu stehen. Gerade seine Gegenwart verleiht den übrigen
Dimensionen — des Gastmahls, des Pascha-
Gedächtnisses, der eschatologischen Vorausnahme —
eine Bedeutung, die weit über einen reinen Symbolismus
hinausgeht. Die Eucharistie ist das Geheimnis der Gegenwart,
durch das sich die Verheißung Christi, immer bei
uns zu sein bis ans Ende der Welt, auf höchste Weise
verwirklicht.
18. … Die eucharistische Anbetung außerhalb der heiligen
Messe soll … zu einer besonderen Aufgabe für die
einzelnen Pfarrgemeinden und Ordensgemeinschaften
werden. Verweilen wir lange auf den Knien vor dem in der
Eucharistie gegenwärtigen Herrn, indem wir mit unserem
Glauben und unserer Liebe die Nachlässigkeit, die Vergessenheit
und sogar die Beleidigungen wiedergutmachen,
die unser Erlöser in vielen Teilen der Welt erleiden
muß. Vertiefen wir in der eucharistischen Anbetung unsere
persönliche und gemeinschaftliche Betrachtung, indem
wir uns auch der Gebetshilfen bedienen, die vom Wort
Gottes und von der Erfahrung vieler alter und neuer Mystiker
durchdrungen sind. Selbst der Rosenkranz — verstanden
in seiner tiefen biblischen und christozentrischen
Bedeutung, …— kann ein Weg sein, der für die eucharistische
Betrachtung besonders geeignet ist, wird sie doch
in Gemeinschaft mit Maria und in der Schule Mariens
vollzogen. …
31. Vor unseren Augen sind die Beispiele der Heiligen, die
in der Eucharistie die Nahrung für ihren Weg der Vollkommenheit
gefunden haben. Wie oft haben sie Tränen
der Ergriffenheit in der Erfahrung eines so großen Geheimnisses
vergossen und welch unsagbare Stunden
,,hochzeitlicher” Freude haben sie vor dem Altarssakrament
verbracht! Es helfe uns vor allem die heilige Jungfrau
Maria, die mit ihrer ganzen Existenz die Logik der
Eucharistie verkörpert hat. ,,Die Kirche, die auf Maria wie
auf ihr Urbild blickt, ist berufen, sie auch in ihrer Beziehung
zu diesem heiligsten Mysterium nachzuahmen”. Das
eucharistische Brot, das wir empfangen, ist das makellose
Fleisch des Sohnes: ,,Ave verum Corpus natum de Maria
Virgine”. In diesem Gnadenjahr (das Jahr der Eucharistie
ist gemeint, Okt.2004 - Okt.2005) möge die Kirche mit der
Hilfe Marias neuen Elan für ihre Mission erhalten und in
der Eucharistie immer mehr die Quelle und den Höhepunkt
ihres ganzen Lebens erkennen.